Gib’ mir ein Küsschen, sonst bin ich traurig!

Heute war ich mit der Straßenbahn unterwegs. Der folgenden Dialog geschah hinter mir.

  • Oma (Hält das Handy vor das Kind): “Mach ein Foto für den Papa!”
  • Kind: (schaut gerade aus dem Fenster): “Nein!”
  • Oma: “Orr, dann ist der Papa aber traurig!”
  • Kind (schnell): “Doch Foto!”

Da hat die Oma dem Kind etwas nachgeholfen, um ein schönes Foto zu haben. Ist doch nicht so schlimm, oder? Nicht nur, weil ich eigene Kinder habe, sondern auch, weil ich selbst mal ein Kind war und mich an solche Situationen noch erinnere finde ich: Doch, ist schlimm!

Das Kind nimmt dich beim Wort

Ich habe dieses “traurig sein” wirklich verdammt ernst genommen und hatte ein ganz, ganz schlechtes Gewissen. Ich wollte doch nicht, das Person x/y/Z traurig ist! Wegen mir! So, wie es sich anhörte, ging es dem Kind hinter mir ähnlich.

Allerdings war der besagte Papa nicht anwesend. Und vermutlich wäre er auch nicht so traurig gewesen, wenn er kein Bild bekommen hätte. Selbst wenn es doch so gewesen wäre – die Oma kann das nicht wissen und ist bewusst unaufrichtig, weil sie das Kind umstimmen möchte.

Was finde ich so schlimm daran?

Nun könnte man sagen, das Kind ist vielleicht noch zu klein, um so ganz genau zu wissen, was es will und darum sollten die Erwachsenen entscheiden. Aber da gibt es mehrere Probleme:

  1. Warum fragt man es dann überhaupt? Das Nein des Kindes scheint nichts wert.
  2.  Wie soll es jemals eigenen Willen ausdrücken, wenn ihm bei solchen Dingen ein schlechtes Gewissen eingeredet wird?
  3. Das Kind wird aus einer schönen Situation gerissen (aus dem Fester schauen) und seine Empfindungen missachtet.
  4. Es entspricht einfach nicht der Wahrheit.

Früher war es auch schon so

Für viele “lustige” und “süße” Handyfotos halten Kinder her – aber muss man sie dazu bestechen? Kinder sind Menschen. Eigentlich total logisch, aber die wenn man sich Tragweite dieser Erkenntnis bewusst geworden ist, sagt man auch nicht “Jetzt bin ich aber traurig”, wenn dem gar nicht so ist.

Bei den Großeltern unserer Kinder bin ich dazwischen gegangen, wenn ich solche “lieb gemeinten” Erpressungen mitbekam. Gerade, weil ich es aus meiner eigenen Kindheit noch zu gut kannte. Ich habe dann gesagt “Du bist doch nicht wirklich traurig, wenn sie das nicht macht, sag’ nicht sowas Falsches, Sag’, wie es wirklich ist!”. Ich greife sonst echt ungern bei den Großeltern ein, dass ich in dieser Situation aber empfindlich reagiere, sagt bestimmt auch etwas über meine eigenen Erfahrungen von “damals” aus.

Vielleicht übertreibe ich, vielleicht auch nicht. Ich hatte noch als Teenager fiese Albträume und Angst davor, jemanden zu enttäuschen. Vielleicht waren Abläufe wie diese auch ein Grund dafür.

Wie war oder ist es bei dir? Kennt das jemand und findet es genauso schlimm?

2 Antworten

  1. Ich finde das auch voll schlimm und korrigiere andere, wenn sie emotionale Erpressung anwenden. Das geht nicht!

    Wenn man das auf später bezieht, sagt der Chef dann auch: Wenn Sie das nicht machen, bin ich traurig?

    Wichtiger Beitrag. Schlechte Gefühle sollten Kinder nicht haben. Das ist bestimmt nicht gut für das Selbstbewusstsein. 🙁

    • Ich habe nur festgestellt, dass wir so erzogen wurden und es sich manchmal unbemerkt einschleicht. Das ist vielleicht doof!

Was denkst du? Lass' mir eine Antwort da! :)

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